Die Bank unter der Linde!

Eine Bank, keine Wände aber ein grünes Dach über dem Kopf. Hier genießt das Leben freie Sicht. Es ist nicht nur ein Platz für Lebensfreude, hier kann das Leben selbst Platz nehmen, sowohl in der Sonne als auch im Schatten...einer Linde.
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 Betreff des Beitrags: Der Grubengaul hat ausgedient
Ungelesener BeitragVerfasst: 04.10.2010 16:20 
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Heut hat sie mich mal wieder geknutscht, die Muse Bild. Seht selbst:



Der Grubengaul hat ausgedient

Vor ungefähr 14 Jahren ließ sich der Grubengaul zum ersten Mal in seiner neuen Grube vor den Karren spannen. Nach drei Jahren Krankheit und Arbeitslosigkeit war er sehr stolz, den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben geschafft zu haben. Und dann noch in DIESER Grube - viele Jahre war der Grubengaul daran vorbeigetrabt und hatte sich gewünscht: Dort möchtest du mal einen Karren ziehen! Und nun war es - mit viel Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit - endlich geschafft.

Es war eine sehr schöne Grube, mit weiten hellen Gängen, guter Belüftung und ein paar sehr sympathischen anderen Grubengäulen, mit denen man sehr gut im Team zusammenarbeiten konnte. Und vor allem wurde dort genau das abgebaut, was der Grubengaul ganz besonders gut und nützlich fand - er war also mit ganzem Herzen bei der Sache. Er trabte mit stolz erhobenem Kopf und Schweif vor seinem Karren her und war so glücklich und eins mit sich selbst wie selten zuvor.

Der Karren war meistens gerade so schwer beladen, dass es ein Spaß und eine Herausforderung war, ihn zu ziehen. Manchmal gab es Stressphasen, wo die Ladung vorübergehend recht schwer wurde, aber für begrenzte Zeit konnte und wollte der Grubengaul sich gerne mal so richtig ins Zeug legen.

Doch im Laufe der Jahre änderten sich die Arbeitsbedingungen. Das lag nicht an den Arbeitskollegen im Team, denn da half man sich immer wieder mal gegenseitig, einen Karren aus dem Dreck zu ziehen und ab und zu ging man auch mal zusammen ganz gepflegt Hafer fressen.

Das Problem waren die Grubengaultreiber, die in einer vierstufigen Hierarchie zu bestimmen hatten, in welche Richtung die Grubengäule ihre Karren ziehen sollten und was und wie viel diese Karren geladen hatten. Diese Herren glänzten nicht gerade mit Fachkompetenz, stellten sich gerne mal untereinander ein Bein, wirtschafteten am liebsten in den eigenen Säckel und bremsten sich gegenseitig dermaßen aus, dass der bislang reibungslose Karrenverkehr immer mehr ins Stocken geriet.

Gleichzeitig wurden nach und nach die Lasten immer weiter erhöht und die Zeitvorgaben verkürzt. Zwischen den Stressphasen gab es keine ruhigeren Zeiten mehr. Es wurden aber keineswegs weitere Grubengäule zur Unterstützung eingestellt. So sehr sich die Grubengäule auch ins Geschirr legten, nie hatten die Grubengaultreiber ein gutes Wort für sie übrig, nie gab es eine Streicheleinheit oder sogar eine Möhre. Im Gegenteil, immer lauter wurde mit der Peitsche geknallt und hin und wieder auch mal ordentlich zugeschlagen.

Weil alle Erträge dieser harten Arbeit immer nur in die persönlichen Säckel der Grubengaultreiber flossen, kam die Grube immer weiter herunter. Die Karren quietschten und holperten auf zerschlissenen Schienen, die Beleuchtung wurde immer trüber, es gab kaum noch frische Luft und es wurde immer weniger in den Ausbau der Stollen investiert, so dass die Tunnel immer enger und niedriger wurden. Mit großer Sorge entdeckten die Grubengäule immer mehr Risse in den Wänden und fürchteten um den Bestand der Grube.

Mit am Schlimmsten fand der Grubengaul aber, dass die Ergebnisse seiner Arbeit immer schlechter wurden - die Arbeitsbedingungen ließen nichts anderes mehr zu. Den Grubengaultreibern war das egal, die waren ja nicht mit dem Herzen bei der Arbeit, nur mit ihrem Säckel. Und das wurde immer noch voll.

Genau genommen funktionierte die ganze Grube nur noch, weil alle Grubengäule sich aus Liebe zur Sache so feste ins Geschirr legten und es deshalb schafften, die Karren immer wieder aus dem Dreck zu ziehen. Dabei griffen die Grubengaultreiber nicht etwa helfend ein - im Gegenteil, sie warfen den Grubengäulen immer wieder Knüppel zwischen die Beine. Sie waren auch nicht bereit zu Modernisierungsmaßnahmen, wie sie in anderen Gruben längst umgesetzt wurden. "Das brauchen wir nicht", sagten sie, "das sind nur Modeerscheinungen. Wir machen weiter wie bisher, das hat doch immer funktioniert".

Viele Jahre lang steckten die Grubengäule immer wieder die Köpfe zusammen, entwickelten Ideen, versuchten, die verschiedenen Ebenen der Grubengaultreiber-Hierarchie für ihre Sache zu gewinnen. Nichts half. Es wurden immer wieder Versprechungen gemacht, mit denen die Grubengäule bei der Stange gehalten werden sollten, aber letzten Endes passierte - NICHTS.

Nach und nach gab ein Grubengaul nach dem anderen aus dem Team auf, suchte sich eine neue Grube und kündigte. Zuletzt war nur noch der alte Grubengaul übrig, der schon am längsten dabei war, die ganzen 14 Jahre. Er konnte nicht kündigen und flüchten, dazu war er zu alt und zu wenig qualifiziert. Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die alle dieses Fach studiert hatten, hatte sich der Grubengaul als Quereinsteiger eingearbeitet und seine Kenntnisse waren deshalb ganz speziell auf diese eine Grube zugeschnitten. Außerdem gab es auch sehr wenige derartige Gruben im ganzen Land und viele junge, hoch qualifizierte Bewerber um die Arbeitsplätze dort.

Als der Grubengaul zuletzt von dem alten Team ganz allein übrig geblieben war, fühlte er sich sehr einsam. Die Stollen in der Grube waren mittlerweile ganz finster und so eng, dass man kaum noch durchkam. Schon seit mehreren Jahren hatte der Grubengaul sich Scheuklappen aufgesetzt, nur so konnte er alle noch verbliebene Kraft darauf konzentrieren, sich weiter vorwärts zu schleppen. Nur nicht zur Seite blicken, sich nicht ablenken lassen - dafür war einfach keine Kraft mehr da. So unendlich viel Energie war verpulvert worden in den jahrelangen fruchtlosen Versuchen, die Arbeitsbedingungen zu verändern...

Als Ersatz für die weggegangenen Teamkollegen wurden nur noch Junggäule eingestellt, zum Teil Fohlen, die während ihres Studiums ein Praktikum machten. Die waren alle jung und kräftig. Und vor allem kannten sie offenbar nichts anderes als die jetzt vorhandenen schlechten Arbeitsbedingungen. Sie waren froh, überhaupt etwas gefunden zu haben. Umso einsamer fühlte sich der alte Grubengaul.

Eines Tages stolperte er so erschöpft und blind durch seinen engen Stollen, dass er schließlich mit seinem vollbeladenen Karren vor eine Wand lief. Das war ihm in den letzten beiden Jahren schon mehrfach passiert, er hatte sich aber immer wieder hochgerappelt und war weitergelaufen. Diesmal schaffte es der Grubengaul nicht, wieder aufzustehen, er streckte alle Viere von sich, ließ sich ausspannen und in den heimatlichen Stall bringen.

Dort war es so ungewohnt hell und weit, dass er sich anfangs am liebsten in eine Ecke verkroch. Der Tierarzt schickte ihn aber jeden Tag ins Freie. Auch wenn er nach seinen Spaziergängen immer sehr erschöpft war und nur davon träumen konnte, irgendwann mal wieder fröhlich durch die Gegend zu traben, taten diese Ausflüge dem alten Grubengaul sehr gut.

Zu seinem eigenen Schutz trug er immer noch die alten Scheuklappen, aber der frische Wind draußen wehte diese ab und zu mal zur Seite und der Grubengaul erkannte plötzlich, wie eng sein Gesichtsfeld geworden war. Er sah auf einmal so viel Schönes am Wegrand: eine in der Herbstsonne strahlende Natur.

Und so nach und nach bekam der Grubengaul auch wieder Ideen, was man alles machen kann und wen man vielleicht nach langer Zeit mal wieder treffen könnte. Der jahrelang aufgezwungene Tunnelblick weitete sich langsam wieder und gab die Sicht frei auf ein Leben, das einige Jahre lang völlig an den Rand gedrängt worden war, nur noch graue Peripherie eines noch graueren Arbeitslebens war.

Dabei ist unser Leben doch das einzige und alles, was wir haben, dachte der Grubengaul. Nie wieder will ich es in einen dunklen Stollen pferchen und alles Licht und alles Leben um mich herum erlöschen lassen.



Eine ganz individuelle Geschichte. Aber ich glaube, es gibt eine ganze Menge Grubengäule in dieser Gesellschaft...

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Ungelesener BeitragVerfasst: 04.10.2010 23:17 
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Geschätzte Schnegge, vielen Dank!
garm


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Ungelesener BeitragVerfasst: 05.10.2010 07:39 
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Hej Schnegge

Ich sage wie Garm: Danke...das ist eine Geschichte mit dem Herzen geschrieben und hier, eine Möhre fuer Dich weil Du uns hast daran teilnehmen lassen!

Hej und hopp
Pferdchen lauf Galopp!

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Ungelesener BeitragVerfasst: 05.10.2010 08:00 
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Danke, liebe Schnegge, für die schöne Geschichte! Zwar traurig, aber doch mit Happy-End...


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Ungelesener BeitragVerfasst: 05.10.2010 16:54 
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Nun glänzt der alte Grubengaul
ganz jung ist er geworden
Mit ein bisschen Heu im Maul
ist er zufrieden ohne Sorgen

Gegönnt seis jedem Gaul wie ihm
befreit von Last und Müh...
springen tanzen und ohne Grimm
über die Weide hüpfen, schon am Morgen früh....

Bild

Danke liebe Schnegge... für's bewusst machen....

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Wir sprudeln aus dem Nichts hervor, indem wir Sterne, wie Staub verstreuen. Rumi

www.elfenfreude.ch


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Ungelesener BeitragVerfasst: 05.10.2010 17:09 
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Dank an euch fürs Lesen und Mitfühlen, für die Möhre, das schöne Gedicht und das tolle Glitzerpferd!!

Ich war ja schon immer ein großer Pferdefan, konnte mit Fünf schon so professionell wiehern, dass ein benachbarter Zahnarzt mich immer wieder mal ans geöffnete Fenster seines Behandlungsraums rief, um seine schmerzgeplagten Patienten aufzuheitern Bild.

@Anne: Am Happy-End arbeite ich noch, das wird wohl noch ein paar Monate dauern, wie mir die Ärztin heute sagte.
Aber dann Bild Bild Bild

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Ungelesener BeitragVerfasst: 05.10.2010 21:14 
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Hej Schnegge, dann auf gute Gesundheit!
Somit können in diesem Forum schon zwei Leute wiehern. Ich auch! Ich auch! Bild


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Ungelesener BeitragVerfasst: 09.10.2010 08:46 
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Liebe Schnegge,


danke für die wunderbare Geschichte


und ich wünsche dir ganz viel Muße und Muse weiterhin


Bildsagt Sonntagskind, die sich manchmal auch als Grubengaul erlebt


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Ungelesener BeitragVerfasst: 09.10.2010 19:13 
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Danke, liebe Mitgäule und Mitgäulinnen Bild !

Vorhin haben wir eine Radtour gemacht, die - weil das Herbstwetter so wunderschön war - doppelt so lang wurde wie geplant. Zuletzt kam ich nur noch mit Gummibeinen im Schneggen-Tempo voran. Aber dann haben wir trotzdem noch eine Pferdekutsche überholt, denn das Pferd vor der Kutsche war offensichtlich mindestens ebenso fertig wie ich. Es schlich im Zeitlupentempo mit gesenktem Kopf und heraushängender Zunge dahin...

Sozusagen die Verkörperung des total erschöpften Grubengauls Bild

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