Die Bank unter der Linde!

Eine Bank, keine Wände aber ein grünes Dach über dem Kopf. Hier genießt das Leben freie Sicht. Es ist nicht nur ein Platz für Lebensfreude, hier kann das Leben selbst Platz nehmen, sowohl in der Sonne als auch im Schatten...einer Linde.
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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 19.02.2018 13:45 
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Ninja-Kriegerinnen oder Amazonen vielleicht? Oder deutsche Hausfrauen?

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 20.02.2018 19:48 
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Hmmm ... Schwer zu sagen.

Das "Zeltlager" hier unten am Fluß erstreckt sich übrigens fast 400 Meter am Fluss entlang in einer Breite von 10 bis 20 Metern, und parallel zu Fluß und Zeltlager verläuft die Parkstraße, die Namensvetterin ihrer Entsprechung im beliebten Monopoly-Spiel. Früher war das hier eine gute Gegend ... gewesen: Zwar nicht oben auf den teuren Hügeln der Oberstadt gelegen, wo jetzt Herr X. bei seinem ehemaligen Kollegen wohnt, aber doch beliebt, weil im Grünen und nahe bei Sport-Anlagen und dem Freibad dieses Stadtteils. Einige Leute hatten sich in den 50ern gleich oberhalb stattliche Villen gebaut, die jetzt aber schaurig-traurig und ausgebrannt aussahen; nachdem sie geplündert worden waren als fast der ganze Osten der Stadt Opfer von Zwangsenteignungen und Vertreibungen der zahlungsunfähigen Mieter und Eigentümer wurde, hatten Plünderer oder fragwürdige Neubewohner sie angezündet, so daß sie nicht mal mehr irgendjemandem Obdach bieten konnten. Verantwortungslos.
Hier unten am Fluß waren wenigstens Menschen. In der ehemaligen Villengegend und auch weiter bergauf, bis zum Haus mit der ehemaligen Wohnung von Familie X. und Frau Y. sah man nur wenig Leute tagsüber, und nachts schaute dort niemand hin, weil dort niemand was zu suchen hatte ..., sozusagen.
Hier unten am Fluß brauste jetzt das Leben, und das oft ganz schön laut und gewalttätig. Täglich Streitigkeiten um Diestähle, Ehestreit in aller Öffentlichkeit, ausrastende prügelnde Eltern, Nachbarschaftskonflikte, Raub, Balgereien mit Hunden ...
Nach und nach war es hier zu einer gewissen Ordnung der Verhältnisse gekommen. Die besonneneren Väter und Mütter hatten zusammen eine Art Sicherheitsdienst organisiert, "man" hatte Regeln aufgestellt, an die sich die Leute zu halten hatten. Leider gab es hier trotzdem Leute, die setzten sich über die Regeln hinweg, und man konnte da kaum was machen ... So auch im Fall der bösen Erfahrungen für Sven.
War das Wetter hier naß, versanken viele Stellen in Schlamm und Pfützen, und an vielen Stellen starrte alles vor Dreck und Unordnung. Bei Trockenheit, wie etwa im vergangenen Sommer, staubte es gewaltig, denn die Grasnarbe war überall auf den Wegen und Pfaden wie wegradiert durch das viele Gelaufe ...
Toiletten? Zum Fluß bitte ...! Dort waren viele behelfsmäßige Stege in den Fluß hinein gebaut, und darauf jeweils ein Sichtschutz aus Brettern und Schildern. Noch ein kleines Dach drauf, und fertige war eine Toilette nach asiatischer Bauart, einfach und gut, und an der frischen Luft. Allerdings nicht gemäß "Bauvorschriften" und auch nicht fachmännisch vom Handwerk ausgeführt, sondern von den Bewohnern konstruiert und gebaut. Oft brach so ein Steg einfach zusammen und wurde weggespült. Von Zeiten mit Hochwasser ganz zu schweigen ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 26.02.2018 18:01 
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Wollt Ihr etwa wissen, was für Tragödien sich da unten am Fluß alle so abspielen? Wie gesetzlos und düster die Zeiten dort sind? Oder soll ich lieber schreiben, warum Sven so schwach und weich ist, und ob er es schafft, aus dieser Schwäche und Weichheit noch rechtzeitig herauszukommen, bevor irgendjemand ihn und seine Begleiterinnen verfrühstückt? Frau Y. ist zwar wehrhaft, aber wie lange ist sie noch so stark und klug? ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 28.02.2018 20:54 
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Hier gibt es nicht mal Strom. Keine Müll-Abfuhr. Keine Feuerwehr. Polizei kaum jemals. Ein Smart-Phone nützt einem hier nicht viel, denn hier gibt es keine Funkzelle. Sendemasten und Antennen schon ..., aber alle außer Dienst. Also hat hier praktisch niemand ein Smart-Phone, nicht mal ein schlappes Handy ... Hätte man ein Satellitentelephon, ja dann wäre was zu machen ... Festnetz-Telefonie oder -Internet gibt es hier leider auch nicht, und so wie es aussieht auch niemanden, der sowas bezahlen könnte. Klar versuchen die Leute, irgendwie an die Dinge zu kommen, die alle gerne hätten, auch Geld. Aber wie? Da gibt es Leute die dealen mit Drogen, aber selbst das bringt nicht viel ein, denn wer kann hier oder ringsum schon Drogen kaufen, und von was? Die ganz armen Leute die meinen, auf Drogen nicht verzichten zu können, schnüffeln Klebstoff oder trinken Alkoholbrühe aus Mehl, die sie in Plastikkanistern selber brauen ... Auch Sven hat es mit dem Dealen probiert, mit sehr mäßigem Erfolg ... Außerdem ist es für Einzelne und Schwache zu gefährlich. Nur Gangs können mit solchen Sachen etwas verdienen. Dann Prostitution, aber auch das scheint nicht reich zu machen. Nina hatte auch einmal soetwas versucht. Weil sie Hunger hatte und ihr überhaupt alles fehlte, was in Kindheit und früher Jugend für sie selbstverständlich war. Aber es war zu schwierig gewesen, sie hatte Geschlechtskrankheiten gefürchtet, und außerdem hatte sie entdeckt, daß sie sich schämte. Und dann wäre diese Sache vor Frau X, Frau Y. und Sven wohl kaum zu verheimlichen gewesen. Also lieber nicht. Hehlerei, ja die gibt es, und sie bringt wahrscheinlich auch was ein. Aber wer klaut und dabei erwischt wird, oder mit geklauter Ware erwischt wird, der wird oft bös' bestraft. Zweihundert Meter weiter unterhalb am Fluß soll erst neulich bei solch einer Bestrafung jemand übel zugerichtet worden sein, habe ich gehört. Der wollte wohl sein Raubgut nicht wieder hergeben und habe mehrere Leute übel verletzt. Schließlich war es richtig schlimm geworden, die Leute hatten sich gegen ihn zusammengetan, und man habe auf ihm herumgetrampelt ... Den habe man anschließend gleich in den Fluß geworfen ... Raub, Diebstahl, Hehlerei und Ähnliches sind also auch so eine Sache, wenn man eher nur arme Leute ausrauben und beklauen kann, die sich wehren müssen - wenn sie überleben wollen. Natürlich bekommen alle Leute Lebensmittelmarken. Mal reichen sie aus, mal reichen sie nicht aus, und manche müssen sogar noch an gewisse Jugendgangs "abgeben", oder werden schlicht ausgeraubt. Keine Ahnung, was die dann essen ... Keine Ahnung, wer denen was abgeben kann ... Jeder Camp-Bewohner muß allmonatlich einmal bei der Verteilungsstelle Schlange stehen um diese begehrten Marken zu bekommen. An jedem Tag stehen da Leute nach Marken an, denn so ist es extra arrangiert, nämlich um große Menschenaufläufe und Streß bei der Ausgabe zu vermeiden. Bewaffnete Sicherheitskräfte überwachen die Ausgabe, aber wenn man das schäbige Gebäude verläßt, muß man gleich schauen, daß einem niemand die Kärtchen stiehlt oder raubt. Schlaue Leute kommen und gehen nie alleine ... Sven geht auch nie alleine hin. Entweder nimmt er Schnuffi mit, oder Frau Y. begleitet ihn. Genauso wie im Fall von Frau X. und Nina. Genauso beim Einkaufen im 3 Kilometer enfernten Supermarkt. Um alleine zu gehen, muß man sich wehren können, sonst kommt man im besten Fall so ziemlich "ohne alles" zurück.
Immerhin sind die Leute hier viel zu Fuß unterwegs: Busse wie noch vor zwei Jahren fahren jetzt hier nicht mehr. Nur von der Innenstadt zur gehobenen Oberstadt hinauf und wieder zurück verkehrt noch die Linie 80, und die Fahrkarten kosten ein Heidengeld ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 10.03.2018 12:49 
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Sven war es nicht recht gewesen, daß Schnuffi ihn beim Holz-Sammeln begeleitete. Aber Schnuffi hatte sich nicht abweisen lassen, und schon immer wenn Schnuffi wirklich etwas gewollt hatte, konnte Sven dem nicht viel entgegensetzen. Dazu reichte seine Entschiedenheit nicht. Heute ging er in der ehemaligen kleinen Villen-Gegend weit aufwärts, brach unlackierte Zaunlatten ab, band sie mit einem Kunststoff-Strick zusammen. Eigentlich wagte er sich hier oben nicht gerne hin, denn es hieß, hier lebten vereinzelt ungemütliche Leute in Kellern und Rest-Häusern, was erstaunlich gewesen wäre, denn hier gab es kaum Wasser: In diesem Stadtteil war das Wasser längst abgestellt worden, denn niemand zahlte die Rechnungen mehr ..., und Bäche, die zum Fluß hinunter fließen, lagen hunderte von Metern entfernt von hier. Heute jedenfalls hatte es hier nicht gespukt. Unheimlich war es aber doch sehr. Nun, er hatte heute Schnuffi dabei, und außerdem ging er nicht in die Häuser hinein und in keine unübersichtlichen Ecken ... Erforderlichenfalls hätte er weglaufen können.
Jetzt schulterte er das Holz und ging berab.
Als Sven zum Fluß und zum Zeltlager kam, wünschte er, Schnuffi würde sich in Luft auflösen: Was, wenn nun die üblichen jungen Leute aus der Gang sein Holz beanspruchten, aber Schnuffi sie davon abhielt? Das würde doch nicht gut gehen. Schnuffi hatte jetzt zwar eine ruhige, aber sehr feste Ausstrahlung, so daß überhaupt kein Zweifel daran bestehen konnte, daß er im Zweifelsfall beissen würde, und das nicht nur einmal, denn er hatte sich angewöhnt, im Ernstfall sehr gezielt, flexibel und gleich vielfach zu beißen. Unter Hunden war das unten am Fluss unverzichtbar. Und jetzt standen da leider schon ein paar Gestalten am Rande des Zeltlagers herum, die angesichts der Kälte und Feuchtigkeit sehnsüchtig auf "ihr Brennholz gratis" warteten. Als die Schnuffi an Sven's Seite sahen, verzogen sie die Schnuten und guckten bös, zogen ihre Augen schlitzartig zusammen wie auf die Seite gelegte Schießscharten. Was, wenn die jetzt annahmen, daß Sven sich "einen Beschützer" zugelegt hatte? Zuvor hatten sie wohl nicht gewußt, daß Sven und Schnuffi zusammengehörten, aber jetzt war es ihnen klar. Natürlich hätte ein Hund sie nicht davon abgeschreckt, sich zu nehmen was sie wollten, was ja nun mal ihnen gehörte. Schnuffi hätte als Hund mittelmäßiger Größe und Stärke diesen Leuten nicht so riesig viel entgegenzusetzen gehabt. Aber sie wollten kein großes Aufsehen erregen, und das hätte es vielleicht gegeben, wenn sie auf der üblichen Aushändigung des Feuerholzes "im Jetzt und Hier" bestanden hätten.
Sven ging wie auf glühenden Kohlen, zog die Augenbrauen hoch, zuckte mit den Schultern, senkte den Kopf, als er an diesen Leut'chen vorbeiging, während Schnuffi eine feindliche Ausstrahlung spürte und sie aufmerksam musterte ...
Zwei Tage später lag Sven mit einer ordentlichen Gehirnerschütterung und gebrochenen Rippen im "Frauenzelt". Von harmloseren Blessuren ganz zu schweigen. Wie gut, daß Frau X. als gelernte und fähige Krankenschwester sich auch mit Gehirnerschütterungen und Brüchen auskannte ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 22.03.2018 00:32 
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Frau Y., Nina und Frau X. kümmerten sich abwechselnd und Sven. Er konnte nicht aufstehen, und er mußte gewindelt werden,- nur unter großen Mühen gelang es, daß er die notwendigen Schritte zum Abort selber unternahm. (ja, tut mir leid, so ist es nun mal in dieser Zeit , und ich muß es Euch der Wahrheit halber, zumuten!) Waren Weg und Steg vereist, ging es gar nicht. Seine Gehirnerschütterung hatte sich als schlimmer als zunächst vermutet herausgestellt, und scheinbar zog bei ihm auch eine kräftige Lungenentzündung heran. Unter den gegebenen Umständen war sein Zustand auch für Frau X. als echte Krankenschwester schwer einzuschätzen, und seine Prognose unklar. An jedem Tag kamen die Nachbarn, die ihn hergebracht hatten, und sie schauten auch nach ihm, brachten vielleicht etwas Holz mit, was in dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Alle mußten ringen, damit sie irgendwie halbwegs genug zu essen und genug trinkbares Wasser bekamen. Alle hungerten letzten Endes. Alle mußten sich Feuerholz, Balken, nasse Birkenstämme, oder Reste von Kohle aus Abbruchhäusern beschaffen.
Alles Essbare wurde in diesem zweiten Winter gegesssen, selber verborgene Käfer, Schnecken und Mäuse. Und Birkenrinde.
Alle mußten zusehen, daß sie auf Sand und Kies und nackter Erde ihr Zelt oder ihre Hütte nach unten gegen die grimme Kälte isolierten, denn der feuchte bis gefrorene Untergrund sog ihnen in dieser Jahreszeit die Wärme aus den Knochen und Gedärmen. Wie mühsam soetwas war: Erstmal durfte da (bei Tauwetter) kein Wasser hineinlaufen können, und dann mußte eine große Grube mit Dämm-Material gefüllt werden, auf der das Zelt stand, also alles was gegen die Kälte isolieren konnte. Niemand hatte hier eigentlich heute etwas zu verschenken, und scheinbar wurden die Sitten täglich rüder, wenn man den "Nachrichten" glauben wollte. Familie A. von nebenan kümmerte sich trotzdem um Sven und die drei Frauen etwas. Jetzt mußten die Frauen Holz sammeln gehen, also zu zweit oder mit Schnuffi, denn alleine ging es in dieser Zeit eher nicht. Niemand konnte sich in dieser Zeit erlauben, alleine zu gehen, es sei denn, einer von den ganz Harten ... Und so hart war hier jetzt kaum jemand. Allzugroße Härte oder Größe wurden einem von der Kälte und von dem Umständen ringsherum ausgetrieben. Alles was auch nur von geringem Wert war, konnte für manche Leute Veranlassung zum Raub sein. Wer da also "hart" sein wollte, der mußte schon "bös hart" werden.
Zeugen bei Raub waren unbeliebt. Das heißt, Frau Y. ging mit Nina oder mit Frau X. zwei bis drei Kilometer weit flussaufwärts, oder am Hang in die ehemalige kleine Villengegend hoch. Oder Frau X. oder Nina gingen mit Schnuffi. Erstaunlich, wie fit Frau Y. auch jetzt noch war. Sie spürte das herannahende hohe Alter sehr deutlich, und natürlich machten ihr die Kälte und die Feuchtigkeit hier unten am Fluss zu schaffen. Lange konnte sie unter diesen Umständen auch sicher ihren Körper nicht in guter Verfassung erhalten, aber wo andere Leute vor Kälte
zitterten oder schlotterten, schien sie die Kälte mit ihrem Atem aufzusaugen - und unbeschadet wieder hinaus zu pusten. Ihr Atem war tief und ruhig. Und überhaupt war sie ein ruhender und warmer Pol: Waren Frau X. oder Nina unglücklich, furchtbar aufgeregt oder sehr besorgt, konnte sie beide sehr einfach trösten und ihnen Mut einflössen - oder besser gesagt: Nina und Frau X. gewannen einfach wieder Mut, als wenn sie ihn einfach mühelos einatmeten.Bei Sven versagte allerdings diese Kunst: Sven war für Frau Y. eher unzugänglich geblieben, wie voreiten Schnuffi, obwohl Sven "weich" und "den Frauen ergeben" schien. Das schien sein ganzes bisheriges Leben zu durchziehen. Sven tat was die Frauen ihm sagten, von Nina abgesehen, denn seiner jüngeren Schwester wollte er dann eher doch nicht gehorchen. So war es immer gewesen ...
Frau Y. allerdings übte, wenn sie die Kraft dazu fand, in Zeiten des Alleinseins, wenn sie unbeobachtet war, ihre "Kampfkünste": Sanfte bis harte, extrem langsame und noch langsamere, bis extrem schnelle und harte Körperbewegungen, gemäß eher wenig bekannten asiatischen Lehren der Kampfkünste, Dinge, die Glück und Unglück bringen konnten, wie es eine heilende Massage oder etwa ein von harter Hand geführtes Schwert mit einer schlimmen Schärfe oder Kante es können. Nie hatte jemand sie bei der Polizei wirklich an Körperkraft und Gewandtheit besiegen können, obwohl sie eine Frau war. Ihr Spitzname bei der Polizei damals war "Pipi Langstrumpf" gewesen, und auf befragen hin hatte sie ihren Vater als "Negerkönig" bezeichnet. Derjenige, der sie damals so dumm nach ihrem Spitznamen gefragt hatte, fing sich eine saftige Ohrfeige, und er tat es nie wieder. Jahrzehntelang hatte sie als Polizistin Dienst getan, noch in einer Zeit, in der Frauen eher eine Seltenheit im Streifendienst oder in einer Mordkommission waren. Sie war zuerst bei der Sittenpolizei gewesen, und später in diversen anderen Abteilungen der Polizei in ihrer Stadt. Dann war sie zur Kripo gekommen, und es hatte sie dort gehalten. (bitte mich korrigieren, falls ich Dinge an dieser Stelle eher etwas naiv und ungünstig schildere, denn ich traue mich oft nicht so sehr, Frau Y. direkt zu fragen oder zu "interviewen", zumal sie ziemlich redegewandt ist ...)
Einige viele Männer und Kollegen hatten Frau Y. damals lächelnd "herausgefordert", und es war ihnen nicht gut bekommen. Wie war das möglich gewesen, und das, obwohl Frau Y. von einfacher Herkunft war, keine Auslandsaufenthalte gehabt hatte, sozusagen eine "Pflanze der Provinz" gewesen war? Es kam so, weil ihr Vater, obwohl eigentlich ein einfacher Seemann (auf der alten Tina-Theresa vom alten Kapitän Faller, später aber in den 50-ern, 60ern, 70gern und 80-gern, bis Sansibar und Philippinen und U.S.A.), in seinen jungen Jahren einige Zeit lang gefahren war. Ja,bis Japan. Und ihre Mutter war Japanerin gewesen, und vielleicht keine nordhreinwestfälische Prinzessin wie beim alten Karl Marx. Eins war sie gewiß nicht gewesen: ein schwaches Weibchen, das machte, was andre anordneten. Das war nie "Ihr Ding" gewesen. Einer hatte es versucht, ihr die Knochen an Kinn und Kiefer mit einem Faustschlag zu brechen. Das ist wahr. Dies Weib war aber davon nicht zu beieindrucken gewesen und hatte ihm stattdessen einen Klapps mit der flachen Hand versetzt, so daß er sich hinsetzen mußte ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 28.03.2018 22:18 
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Leider hatte sich Sven's Zustand weiter verschlimmert: Er konnte kaum noch etwas bei sich behalten und wurde täglich schwächer. Offenbar waren seine Tage gezählt. Blass-gelb war seine Gesichtsfarbe nun, und Frau X. fragte sich, ob sie es verantworten konnte, ihn hier im Frauenzelt zu lassen. Schnuffi war nun Tag und Nacht bei ihm. Früher hatte er ein nur oberflächliches Verhältnis zu Sven gehabt; seit sie aber hier am Fluss leben mußten, hatte sich das geändert. Nachts hörte man die Geräusche von Atem von vier Menschen plus Hund im Zelt. Alle lagen auf dem dick gepolsterten, isolierenden Boden aus tausend Zweigen und Blättern und Kunststoff und Pappe ... in dessen Tiefe Mäuse herumliefen ... für den Hund unerreichbar ...
Und als Sven's Schwäche ihn nur noch so daliegen ließ, war es abermals geschehen: Schnuffi berührte sein Gesicht ... und erstarrte: Miezi's Geist wanderte ohne Widerstand in den Menschenkörper hinüber. Am nächsten Morgen sprach Sven seine ersten Worte seit einer Woche. Und am Tag darauf beobachtete Nina, wie er trotz seiner Schwäche eine vorbeihuschende Maus einfach mit der Hand fing und verspeiste. Als er merkte, wie Nina ihn erstaunt anstarrte, wurde er sich erst darüber im Klaren, was er tat ... Nun ja, die Maus war tot ... und außerdem hatte er Hunger ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 07.04.2018 13:18 
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Von nun an ging's bergauf: Trotz Hunger und Kälte erholte sich Sven jetzt schnell. Nur Frau Y. und Schnuffi hatten bemerken können, wie Miezi Sven beseelte. Von nun an hatte Sven keine andere Wahl, als mit einer Katze in seinem Körper zusammenzuleben, als Mensch-Katze-Einheit. Eigentlich war er immer noch ein kleines weichliches Bubilein, von dem man eigentlich nur erwarten konnte, daß er im Leben nichts würde erreichen und tun können, als sich herumstoßen, verprügeln, beliebig benutzen, ausnehmen und schließlich final platt-machen zu lassen. Aber unbemerkt hatten sich durch die täglichen einfachen vielen Arbeiten wie Wassertragen und Holzsammeln sein Körper gestreckt, sein krummer Rücken begradigt, und seine Arme und Hände gekräftigt. Üble Rauschdrogen nahm er schon seit einiger Zeit nicht mehr ... Hätte er jetzt in einen Spiegel sehen können, hätte er sich gewundert wer ihm da entgegenblickte, mit Narben im Gesicht und zwei nebeneinander fehlenden Zähnen ... Nun hatte er auch noch die Seele einer Tigerin im Kleinformat im Körper, die nur vor wenig zurückschreckte. ...

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 20.04.2018 21:17 
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Sobald Sven gesund genug war, ging er durch das Zeltlager wie ein Mensch in dem zusätzlich zum eigenen noch das Seelenleben einer Katze am Werk war. Ja, am Werk. Denn die Katze betrachtete es als ihr Werk, aus Sven einen Mann zu machen. Seit ihrem Versterben hatte sie ruhelos und mühelos über das Schicksal der Familie X. und sogar von Frau Y. gewacht, damit sie nicht durch Unaufmerksamkeit und ungünstiges Tun die Flamme des Lebens vor der Zeit verlieren würden, denn sie hatte immer gespürt, daß die ganze Familie und auch Frau Y. vielleicht nicht mehr lange leben würden, und in nur wenigen Jahren würde es für alle wohl vorbei sein: das Versterben der einzelnen Glieder der Familie X. und der Frau Y. stand ihr lebhaft vor Augen wie im Traum, wie Menschen es meist nicht sehen können, weil sie durch tausend Dinge abgelenkt sind und lieber die schöne
Täuschung zum Träumen wählen, als die scheinbar grausame und traurige Wirklichkeit, wie sie nunmal kommen könnte - oder wohl nunmal kommen wird, wenn's nicht gut ausgeht. Ihre Jungen waren längst selbständig oder längst verstorben, hatten tausend alltägliche oder ungewöhnliche Gefahren und Unwägbarkeiten überlebt, oder waren daran gescheitert, wie es im Leben der Katzen nunmal ist, aber sie hatten immer getan, was eine Katze tut, denn sie waren die Kinder ihrer Mutter, und haben oder hatten scharfe und harte Krallen und Zähne, wilde Aggressivität, und außerdem einen wachen Geist. Seltsam: Ihre eigenen Kinder hatte sie hinter sich gelassen, aber nicht Familie X. und Frau Y. Und jetzt war Sven das Objekt und Subjekt ihres Willens geworden: Ein weicher und lieber Jüngling, der sich so ziemlich alles alles hätte antun lassen, was man einem Menschen antun kann, ohne sich zu wehren. Das konnte er sich nun nichtmehr leisten, denn Miezi beanspruchte Mitspracherechte über seinen Körper, seine Wahrnehmung, sein Empfinden und seine Entscheidungen, so klein und harmlos sie als Katze auch erscheinen mochte. Sven hatte keine Wahl mehr: Bei allem was er tat, war jetzt die Katze dabei. Und er wurde sie in keiner Sekunde seines Lebens mehr los.

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 Betreff des Beitrags: Re: Erzählungen am Feuer
Ungelesener BeitragVerfasst: 20.05.2018 21:39 
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Wie hatte Sven zuvor nur so schwach sein können? Vielleicht hatte er sich etwas zu sehr alleine gefühlt ..., gegenüber einer Vielzahl von Mitmenschen und Organisationen, die dauernd irgendetwas von ihm wollten, insbesondere daß er gefälligst dies und jenes tun, und anderes lassen sollte. Insbesondere sollte er ein braver Bubi sein, wie ein Statist in einem der schönen langweiligen Heimatfilme der 50er-, 60er- oder 70er-Jahre des vergangenen Jahrtausends, vielleicht à la Peter Alexander und Heintje ... Vielleicht waren es auch ein regelmäßig lahmer und langweiliger Schulalltag, ohne Streben und Leistung, ohne Stärkung, ohne Kraftentfaltung, oder das lahme und langweilige Elternhaus dem sein Schicksal egal zu sein schien, und der lahme und langweilige Luxus-Kram, der Schund und Unfug seiner Kindheit und
Jugend gewesen, die ihn so schwach hatten sein lassen ... Dann kamen da noch die vielen süßen Mädchen, die er immer begehrt hatte, ohne eigentlich mal als ein Mann für sie infrage zu kommen ..., zumal er eigentlich nichts richtig konnte ..., das als Grundlage für Erwerb und Gründung einer Familie hätte dienen können ... Er hatte nichts richtig gelernt, nicht mal in den schlappen "Berufspraktika" die den Schülern verordnet worden waren, hatte von nichts wirklich eine Ahnung gehabt, außer vielleicht von eher kranken Videospielen, von fragwürdigen Film'chen mit allerlei "Liebesszenen" die er und seine Mitschüler in rauen Mengen im Internet gratis anschauten, und dann noch von Drogen wie Alkohol, Tabak, Haschisch, Amphetaminen, Entaktogenen, Kokain-Zubereitungen, bishin zu Medikamenten zum Dösen, zum Ruhigwerden und schließlich Schlafen ... All dies zusammen vielleicht, auch fehlende körperliche Arbeit und fehlender, zielgerichteter Sport, hatten ihn weich belassen ... fast wie ein Baby ... Von Zuckerlstangen-Schlecken und üblichem Alltag für kleine Schüler und brave Bubis im Elternhaus wurde man nicht leicht ein Mann ... Und wozu eigentlich auch? Wozu brauchte man überhaupt damals noch Männer? Hieß es nicht schon in den 70ern "'Runter mit dem Männlichkeitswahn!"?

Jetzt, mit der Katze zu zweit, hatte Sven praktisch keine Gefühle von Einsamkeit oder Verlassenheit, allerdings mußte er nun auch auf sie und ihre Eigenarten Rücksicht nehmen. Und sie war und blieb nunmal ein halbwildes Tier ... Manchmal geschah es, wenn er nicht scharf aufpaßte, daß er ohne es zu merken den Mund öffnete und in Gesellschaft anderer Leute ein deutliches "Miau!" äußerte, oder gar pfauchte. Angenehm war ihm das nicht, aber unter den gegebenen Umständen hier unten am Fluß fiel es nicht sehr unangenehm auf, zumal eine Menge Leute hier Verhaltensauffälligkeiten von ganz anderem Kaliber zeigten. Neuerdings pflegte Sven abends und manchmal bis in
die tiefe Nacht spazieren und Holz und Nahrungsmittel sammeln zu gehen, und das auch noch alleine. Niemand ging hier alleine in der Umgebung spazieren, und nachts gleich noch einmal umso weniger, denn es war immer ein Wagnis, nachts gleich ein extremer Leichtsinn ... Svens fand sich aber so gut in der Dunkelheit oder nur von Mond oder Sternen beleuchteten Landschaft zurecht, als wäre er immer schon nachts unterwegs gewesen. Vielen Leuten wurde er geradezu unheimlich. Bald hatten die Schlägertypen, die ihm Brennholz und Lebensmittelmarken raubten, das Zeltlager verlassen müssen: Als sie nach seiner Genesung noch einmal versuchten, ihm die
begehrten Dinge gratis abzunehmen, waren sie aneinander geraten, zumal die Katze Sven die Entscheidung dazu einfach abnahm. Zu mehreren hatten sie versucht, Sven zu Fall zu bringen, hatten nach ihm geschlagen und getreten, aber gewandt wie nie zuvor war er ihren Schlägen und Tritten ausgewichen, und als ihn der Anführer, ein besonders kräftiger Bursche, dennnoch zu fassen bekam, hatte er von Sven einen Schlag mit den gekrümmten Fingern in das Gesicht bekommen, daß ihm danach ein Stück Fleisch aus einer Wange fehlte. Wie ein Krallenschlag einer Katze ... Als der Bursche wutentbrannt vorwärts stürmend doch einen Tritt und Schläge bei Sven landete und
ihn zu Boden beförderte, hatte Sven sich mehrfach geschwind um die eigene Körperachse gedreht und dem Obermotz das Kniegelenk vollends verdreht ... Das Knie mitsamt seinen komplexen knöchernen Strukturen, Knorpeln und Bändern ist eine empfindliche Sache ... und gegen seitliche Belastungen oder gar Drehungen nicht gut geschützt ...
Hilflos lag der Boss am Boden ... und war schon kein Boss mehr ... Entsetzt waren die anderen Gang-Mitglieder davon gelaufen und wurden nicht mehr gesehen ... Gar nicht wenige Leute im Zeltlager am Fluß atmeten auf.

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